• Die aktuelle Redaktion: Philipp Adolfs, P. Klaus Mertes SJ, P. Stefan Kiechle SJ
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150 Jahre „Stimmen der Zeit“

Mit Freude und Hoffnung starteten die „Stimmen der Zeit“ ins Neue Jahr, denn die vom Jesuitenorden herausgegebene Kulturzeitschrift wird 150 Jahre alt, was am 27. Mai mit einem Festakt in Berlin gefeiert wird. Im Editorial des Januarheftes skizziert Chefredakteur Stefan Kiechle SJ die „konfliktreiche und äußerst bewegte“ Entstehungsgeschichte und was die Zeitschrift früher und heute besonders prägt.

Jesuiten waren immer umstritten: Im Jahre 1773 hob Papst Clemens XIV. den Jesuitenorden auf. In wenigen Staaten überlebten Restbestände des Ordens, teils in der Illegalität. Nach der Wiedergründung 1814 durch Papst Pius VII. konnte sich in Deutschland der Orden nur langsam wieder etablieren. Im ehemaligen Benediktinerkloster Maria Laach richteten die Jesuiten 1860 eine Hochschule für den Ordensnachwuchs ein. Ab 1865 gaben sie dort unter dem Titel „Stimmen aus Maria Laach“ eine unregelmäßig erscheinende Schriftenreihe heraus, die den „Syllabus“, ein die Moderne scharf ablehnendes päpstliches Lehrschreiben, dem deutschen Publikum erklären und ihn verteidigen sollte. Ab Juni 1871 publizierten die Jesuiten im Freiburger Verlag Herder unter demselben Titel Monatshefte, die thematisch breiter angelegt waren und kulturelle und gesellschaftliche Fragen aus christlich-katholischer Sicht behandelten.

Damit war vor 150 Jahren unsere Zeitschrift geboren, die heute als älteste Kulturzeitschrift Deutschlands gilt. Sie ist zugleich die Einrichtung des Ordens in Deutschland, die seit damals und über die Vertreibung der Jesuiten aus dem Deutschen Reich (1872-1917) hinweg bis heute besteht. Etwa zeitgleich gründete der Orden in anderen Ländern Europas ähnliche Kulturzeitschriften – als herausragende Stimmen bestehen bis heute in Italien „La Civiltà Cattolica“ und in Frankreich „Études“.

Ab 1914 wurde die Zeitschrift unter dem Titel „Stimmen der Zeit“ in München herausgegeben. Ihre Geschichte ist konfliktreich und äußerst bewegt; sie soll in einem späteren Beitrag nachgezeichnet werden. Nicht alles darin ist aus heutiger Sicht glänzend, manche Polemik der ersten Jahrzehnte durchaus strittig. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil etablierte sich die Zeitschrift als wichtiges Medium, das den Neuaufbruch des Konzils reflektierte und in breite, auch nicht- kirchliche Kreise hinein vermittelte. Sie steht heute klar in christlich-kirchlicher Tradition, in einer deutlich reformorientierten Ausrichtung, nicht polemisch, aber durchaus thesenstark und diskussionsfreudig.

Mut zur Tiefe (depth) – so ein Programmwort des früheren Generaloberen der Jesuiten, Adolfo Nicolás SJ. In oft oberflächlicher Kultur, die immer öfters auch fake news produziert und strategisch benutzt, verpflichten die „Stimmen“ sich der Ehrlichkeit und der Wahrheit.

Inhaltliche Schwerpunkte der Zeitschrift sind drei Grundanliegen der Jesuiten: # Bildung als Vermittlung von Kultur und Kunst, von Ethik und Politik, von Wissen und Glauben, von humaner Kraft und individuellen und zugleich gemeinschaftlichen Prozessen – in einer komplexen, immer stärker ökonomisierten und zugleich von Ideologien gefährdeten Welt ist gute Bildung eine gewaltige Herausforderung. # Gerechtigkeit ist nicht  nur als Glaubwürdigkeitstest des Christentums  von Bedeutung, sondern viel mehr noch ist sie Fundament des verkündeten und erwarteten Reiches Gottes – auch Gerechtigkeit ist in einer immer stärker von Partikularinteressen dominierten und ungleicher werdenden Welt ein dringliches Anliegen. # Spiritualität als geistiges und geistliches Leben der Menschheit, durchaus in Vielfalt von Religionen, Denkweisen und Kulturen, zugleich aber ausgerichtet auf humane Werte und auf christliche Theologie – die spirituelle Sehnsucht der Menschheit war schon immer ein gefährdetes Gut und wird heute auf neue Weise von Abergeistern instrumentalisiert.

Die „Stimmen der Zeit“ verstehen sich weniger als Debattenforum, in dem kontroverse Beiträge publiziert würden, anhand derer sich die Leserschaft selbst ihre Meinung bilden soll. Sie sind eher ein Medium mit eigenem inhaltlichem Profil – zur Anregung und Auseinandersetzung wird den Leserinnen und Lesern eine Denk- und Argumentationsrichtung vorgeschlagen. Dabei gibt es selbstverständlich immer eine Vielfalt und thematische Breite von Stimmen. Der weit verstandene Begriff „Kultur“ war und ist ein Markenkern der Zeitschrift. Dabei denken die „Stimmen“ immer weltweit, gemeinwohlorientiert und interkulturell, grundsätzlich wertschätzend und zugleich kritisch unterscheidend.

Die deutsche Provinz der Jesuiten als Herausgeberin und ebenso die Redaktion danken an dieser Stelle ausdrücklich den zahlreichen Autorinnen und Autoren, die durch ihre Inspiration und ihr Engagement wesentlich zum Gelingen der Zeit-schrift beitragen. Sie danken dem Verlag Herder für 150 Jahre der zuverlässigen Zusammenarbeit. Sie danken der Leserschaft für treue und loyal-kritische Aufmerksamkeit. Sie wünschen der Zeitschrift, dass sie – gerade in krisenhaft-wirren Zeitläuften – auch künftig orientiert und prägt.

Autor:

Stefan Kiechle SJ

Pater Stefan Kiechle SJ ist 1982 in den Jesuitenorden eingetreten und wurde 1989 zum Priester geweiht. Er war von 1998 bis 2007 Novizenmeister und hat in verschiedenen Aufgaben in der Hochschulseelsorge und Exerzitienbegleitung gearbeitet. Von 2010 bis 2017 war er Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten. Er ist Delegat für Ignatianische Spiritualität und Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

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