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Ignatius‘ Mut für gesunde und kranke Tage

Das Corona-Virus konfrontiert uns mit unserer Leiblichkeit neu – auch mit unserer Verwundbarkeit, Krankheit und Sterblichkeit. Ignatius hatte den Mut, Krankheit wie Gesundheit als einen Weg auf ein Leben hin zu verstehen, das seine Fülle aus der Beziehung mit Gott erhält.

1988 studierte ich am Institut Catholique in Lyon und hörte zum ersten Mal eine Vorlesung über Schöpfungstheologie. Bei der Prüfung stellte Professor Christian Duquoc, renommierter Dogmatiker seiner Generation, keine Fragen. Er zeigte uns Studierenden einen Ausschnitt aus dem Film „Himmel über Berlin“ von Wim Wenders, der eben in den Kinos angelaufen war; danach sollten wir dazu einen  Essay schreiben: Zwei Männer sitzen im Sportwagen, ausgestellt in einem Autosalon. Von den Ausstellungsbesuchern werden sie nicht gesehen, da sie Engel sind und keinen sichtbaren Leib haben. Schwarz-weiss ist diese Sequenz gedreht, denn wir sind in der Welt der rein geistigen Welt. Da gibt es auch keine Farben. Diese gehören zur sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit. Die beiden Engel diskutieren über die Menschen, die empfinden und berühren können, die in der leiblichen Welt leiden und Sehnsucht wie auch Liebe erleben. Diese Engel, vom Himmel ins geteilte Berlin hinabgestiegen, kommen auch an einem Unfall auf einer Strassenkreuzung vorbei, können aber nicht helfen. Sie haben keine Hände, keinen Leib. So entscheiden sie sich, ganz Mensch zu werden. Der Film wechselt in Farbe. Jetzt sind wir in der Welt der Geschöpfe mit Leib und Seele. Als Menschen können sie den Menschen nahe sein. Welch Freude an der Sinnenhaftigkeit des Lebens und der Liebe – aber auch welche Leiden und Verstrickungen, welche Krankheiten und Verletzungen.

Der theologische Begriff der Schöpfung gehört nicht zu einer voraufgeklärten, mythischen Sprache, die heute nichts mehr zu sagen hätte. Er kann nicht durch das Wort Natur ersetzt werden. Geschöpfe sind vielmehr per definitionemWesen, die begrenzt und mit Leiblichkeit und Materie verbunden sind, so feinstofflich sie im Fall von Engeln auch sein mögen. Vor allem gehört zur Geschöpflichkeit die Dialektik von Freud und Leid, von Sehnsucht und Leiden, von Krankheit und Gesundheit, von Verletzlichkeit und Ganzheit. 
Eine Theologie, die die Schöpfung grundsätzlich bejaht, sagt ja zu diesen Spannungen. Sie unterstützt keine Spiritualität, in der Menschen sich nur vergeistigen wollen. Engelgleiches Leben ist kein Ideal. So erinnert eine Schöpfungsspiritualität heute auch daran, dass der Mensch nicht nur in Cyberwelten leben kann. Das Digitale macht nur einen Bruchteil seines Lebens aus. Auch kann der Mensch nicht nur neurobiologisch als ein „Gehirnwesen“ verstanden werden. Er ist schliesslich auch nicht nur Seele, so dass der Leib nur äusserliches Instrument wäre. Er hat einen Leib und ist Leib. Er wird in realen Begegnungen mit anderen Geschöpfen geprägt. Er vollzieht sich nicht nur im handfesten und sinnlichen Austausch mit Mitmenschen, sondern auch in der Beziehung zu Tieren, Pflanzen und Landschaften. Die Geschöpfe sind aufeinander bezogen. Das bildschirmvermittelte Sehen und digitale Hören ist eine eingeschränkte Sinneswahrnehmung. Sehen und hören, in der analogen Welt um einiges reicher, gehören konstitutiv zu ihm. Dazu kommen die anderen Sinne: Riechen, Schmecken und Tasten. Erst synthetisch verschränkt entsteht aus Sinneswahrnehmung Sinn. In dieser vom Lockdown geprägten Zeit wird dies besonders erfahrbar.

Das Corona-Virus konfrontiert den Menschen mit seiner Leiblichkeit neu. Vor allem mit der eigenen Verwundbarkeit, Krankheit und Sterblichkeit. Er ist Geschöpf und Teil der Natur. Doch noch mehr sind es die gesellschaftlichen Massnahmen der Schutzbegrenzungen und des Lockdowns, die den Menschen als geschöpfliches und leibliches Sozialwesen herausfordern. Nicht das Virus allein ist die Herausforderung, sondern wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Es kann nicht nur darum gehen, Leben einfach noch etwas mehr zu verlängern, ohne auch die Lebensqualität im Blick zu haben. Auf jeden Fall ist das Virus, das junge und gesundere Menschen eher verschont, ältere und gefährdete Menschen aber mehr angreift, genau Ausdruck der Dialektik der Geschöpflichkeit. Es hilft, die Natur nicht positiv zu verklären und zu idealisieren. So stellt sich weniger die Frage, warum Gott das Virus zulässt. Die Theodizee-Frage wäre in diesem Kontext eine Frage, die an der gesamten Schöpfung zweifelt. Warum aber wird dann die Frage nicht unabhängig von Corona, wenn der Mensch ungehindert durch seine Ausbeutung die Natur zerstört, so viele Arten ausrottet und nicht schonender mit den irdischen Ressourcen umgeht?

Die Frage ist vielmehr an den Menschen gerichtet, ob er akzeptieren kann, dass Krankheit, Verletzlichkeit und Sterblichkeit ebenso zum Leben gehören wie seine Freuden und Genüsse. Bei seiner Weltgestaltung muss er seit je Verantwortung übernehmen und zwischen Werten abwägen. In der Corona-Zeit: Wie können Begegnungen, sinnenhafte Welterfahrung und sozialen Austausch, die konstitutiv zu Leben gehören, mit dem Bemühen abgewogen werden, möglichst nicht zu erkranken und sterben zu müssen? Die Dialektik und Ambivalenz der Geschöpflichkeit gehört zur conditio humana. Sie kann nie ganz überwunden, aber geistig gedeutet werden, karitativ und künstlerisch, spirituell und philosophisch. Dann macht das Leben Sinn; auch das sterbliche und verwundbare. 

Wenn Ignatius von Loyola in seinem berühmten Text Prinzip und Fundament formuliert, Gesundheit sei nicht mehr anzustreben als Krankheit, so entspringt dies nicht aus einer stoischen noch aus einer nihilistischen Haltung heraus. Natürlich ist Gesundheit ein grösserer Wert als Krankheit. Doch auch Gesundheit und das ganze Leben sind relative Werte, weil alles Geschaffene begrenzt ist. Und auch der eigenen Krankheit und dem Tod kann Sinn abgerungen werden. Gesundheit und Krankheit wird dabei auf einen letzten Wert hin geordnet, auf Gott, den Schöpfer des Universums. Ignatius hatte den Mut, Krankheit wie Gesundheit als einen Weg auf ein Leben hin zu verstehen, das seine Fülle aus der Beziehung mit Gott erhält.

Autor:

Pater Christian Rutishauser ist der Delegat für Schulen und Hochschulen der neuen Zentraleuropäischen Provinz. Bis zur Gründung der neuen Provinz war er Provinzial der schweizer Provinz. 1965 geboren und in St. Gallen aufgewachsen. Studium der Theologie in Fribourg und Lyon. Ein Jahr Pfarreiarbeit und anschliessend Noviziat der Jesuiten in Innsbruck. 1994-1998 Arbeit als Studentenseelsorger an der Universität Bern und Leiter des Akademikerhauses in Bern. Doktoratsstudium im Bereich Judaistik in Jerusalem, New York und Luzern. Dissertation zu Rav Josef Dov Soloveitchik (1903-1990) mit dem Titel «Halachische Existenz» im Mai 2002. Seither verschiedene Lehraufträge im Bereich jüdischer Studien, so an der Hochschule für Philosophie S.J. in München, am Kardinal-Bea-Institut an der Universität Gregoriana in Rom und am Theologischen Studienjahr an der Dormitio-Abtei in Jerusalem. Seit 2004 Mitglied der Jüdisch/Röm.-kath. Gesprächskommission der Schweizerischen und seit 2012 auch der Deutschen Bischofskonferenz. Delegationsmitglied der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum seit 2004; seit 2014 in derselben Funktion ständiger Berater des Heiligen Stuhls.

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