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  • Moderner Beichtstuhl in der Kirche St. Michael in der Münchner Innenstadt.
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Ist Beichten heute noch gefragt?

Dass die Beichte längst kein angstbesetztes Disziplinierungsmittel mehr ist, wie es in früheren Generationen fälschlicherweise oft eingesetzt wurde, weiß Pater Karl Kern SJ aus seiner Praxis als Beichtvater. Der Kirchenrektor der Münchner Jesuitenkirche St. Michael erklärt, warum das Sakrament und die damit verbundenen Beichtgespräche heute als „Geistliches Fitness-Studio“ geschätzt werden und den Menschen dabei helfen können, ein authentisches Leben zu führen.

Ist Beichten noch gefragt? Die Antwort aus der Münchner Jesuitenkirche St. Michael lautet: „Ja!“ Beichten wird bei uns täglich angeboten und ist gefragt, wenn auch die Zahlen mit Beginn der Corona-Pandemie zurückgingen. Vorher waren es lange Schlangen von Wartenden. Ich wage deshalb die Prophezeiung: Die Beichte hat ihre Zukunft noch vor sich! Warum? Weil es in der recht verstandenen Beichte um Ur-Sehnsüchte und zentrale Bedürfnisse des Menschen geht. Und weil dieses Sakrament zum Kernbestand des Glaubens gehört.

Oft hört man, die Leute hätten heute kein Sündenbewusstsein mehr. Viele Sünden, gerade auf dem Gebiet der Sexualität, seien den Menschen von der Kirche eingeredet worden. Die Beichte sei ein Disziplinierungsinstrument der Angst gewesen, bei dem der Pfarrer wie ein Richter peinlich befragte und (ver-)urteilte. Leider haben sich wegen negativer Beichterfahrungen viele von diesem Sakrament verabschiedet. Zugegeben, es gab und gibt Fehlformen von Beichte: Überängstlichkeit, das Abhaken von Geboten ohne Suche nach den inneren Ursachen … Der Zwang zur häufigen Beichte lastete auf früheren Generationen. Das ist heute vorbei.

Tiefes Bedürfnis, mit sich und der Welt eins zu sein

Der neue Name für dieses Sakrament deutet an, worum es eigentlich geht. Man spricht heute mehr vom „Sakrament der Versöhnung“. Das mag für manche theologisch abgehoben klingen. Doch dahinter stecken die Notwendigkeit und das tiefe Bedürfnis, mit sich und der Welt eins zu sein. Wahrer Glaube will in uns das „Ja“ zur Wirklichkeit stärken, der Wirklichkeit meines eigenen Ichs und der Wirklichkeit um mich herum. Diese Sehnsucht trägt jeder Mensch in sich, aber auch die tägliche Erfahrung, dass wir zerteilt, widersprüchlich, uneins sind und nicht wirklich authentisch leben. Wir sind unterwegs zu uns, aber längst nicht angekommen. Und wir geraten immer wieder in Sackgassen, auf Irrwege. Obendrein verbauen wir schuldhaft viele Möglichkeiten, die uns das Leben als Chancen anbietet. Der, der ich bin, grüßt von ferne den, der ich sein könnte!
Aus diesem unerlösten, innerlich zermürbenden und aufreibenden Zustand will die Beichte uns herausholen. Beichte ist ein Sakrament der Ermutigung. Beichte will uns helfen, mehr bei uns selbst anzukommen, bezogener und liebevoller mit uns und unseren Nächsten umzugehen, mit mehr Tatkraft unser Leben in die Hand zu nehmen. Die Beichte will uns etwas ahnen lassen von jenem Frieden Gottes, der alles Begreifen übersteigt.

Helfendes und heilendes Gespräch

Wie geht das? Das Angebot der Beichte ist ein helfendes und heilendes ritualisiertes Gespräch, bei dem es um mich, um mein ureigenes Leben vor Gott geht. Die sogenannte Andachtsbeichte, in der man eine standardisierte Liste von Tatsünden herunterrasselte, ist nach unseren Erfahrungen in St. Michael die Ausnahme. Die Leute wollen sich heute in der Beichte aussprechen, wollen mitteilen, was sie bewegt – und zwar in der ganzen Bandbreite des Lebens: vom Beglückenden und Schönen bis zum Bedrückenden, Schuldhaften und Hässlichen.

Der Hauptanteil der Beichtenden in St. Michael sind Menschen der mittleren Generation zwischen 25 und 45 Jahren, die mitten im Leben stehen. Es kommen auch geplagte Menschen und solche, die bewusst ein religiöses Leben führen und dafür Hilfestellung suchen. Für die letzte Gruppe ist der Beichtvater ein regelmäßiger geistlicher Begleiter.

Erspüren, was hinter den Worten liegt

Ein guter Beichtvater schlüpft nach einer kurzen, einladenden Anrede zunächst in die Rolle des aufmerksamen Zuhörers. Er hört sich das „Bekenntnis“ an oder hilft, dass jemand aussprechen kann, was er sich vorgenommen hat. Eine der wichtigsten Eigenschaften eines Beichtvaters ist zu erspüren, was hinter den Worten liegt. Er bleibt nicht an äußeren Tatsünden hängen, sondern sucht mit dem/der Beichtenden nach den (Fehl-)Haltungen, die hinter offenkundigem Fehlverhalten liegen. Nur wer sich besser versteht und sich trotz aller Fehler in der Tiefe annimmt, findet die Kraft, sich zu ändern, oder besser: sich verwandeln zu lassen.

Die Beichte ähnelt einem heilenden Gespräch. Deshalb haben wir in St. Michael vier neue Beichtstühle mit der Wahlmöglichkeit zwischen einer knienden und einer sitzenden Position eingerichtet sowie zwei als reine Beichtzimmer, in denen man sich gegenübersitzt. Die Beichte hat auch eine therapeutische Funktion. Doch ist sie mehr als eine Therapie. Der / die Beichtende und der Beichtvater richten in der Perspektive des Evangeliums ihren Blick auf Gott. Beichte ist manchmal mehr gemeinsame Meditation als Therapie.

Die Beichte kommt aus der Grundintuition der Verkündigung Jesu. Der Rabbi aus Nazareth brachte in seiner Person den Gott Israels erfahrbar nahe: seine Güte, Barmherzigkeit und Entschiedenheit für das Wohl aller. Der „Abba“ war für Jesus ein mütterlich-mitfühlender, verzeihender Gott. Er vergibt alle „Sünden“, das heißt Vergehen gegen sich und andere, sowie „Lästerungen“, die Vergehen gegen Gott (Mk 3,28). Diese grenzenlose Vergebungsbereitschaft greift allerdings nur, wenn sich der Mensch der ungeschminkten Wahrheit seines Lebens stellt und sich Gott anvertraut. Das kann manchmal hart sein. Jeder ist in der Gefahr, vor sich und der Wirklichkeit davonzulaufen. Selbstvertrauen und Gottvertrauen sind auch keine Selbstverständlichkeit.

Sünde ist Entfremdung von uns selbst

Das deutsche Wort „Sünde“ lässt die Verwandtschaft zu „sondern“, „absondern“ anklingen. Sünde hat immer mit Verdrängung, mit Blindheit gegenüber dem Wirklichen zu tun. Wir reden uns oft etwas ein oder machen uns etwas vor. Davon will uns die Beichte befreien. Frei macht allein die Wahrheit. Einer der hebräischen Begriffe für Sünde heißt „Zielverfehlung“. Der Sünder verfehlt, wozu er bestimmt ist, was ihn glücklich machen würde. Sünde ist Entfremdung von uns selbst. Viele Menschen überdecken mit ihren Süchten ihre wahre Sehnsucht. „Sucht“ kommt von „siech“, krank. Beichte will von seelischen Krankheiten heilen.

Diese Heilung soll sich durch das regelmäßig gepflegte heilsame Gespräch in der Beichte einstellen. In diesem Sinn liegt die Beichte ganz in der Linie der Heilungsgeschichten Jesu. Manchmal auch ist sie den Dämonenaustreibungen vergleichbar. „Dämonen“ sind parasitäre Hausbesetzer, die das Personenzentrum eines Menschen okkupieren. Menschen leiden bis heute unter den Dämonen von Süchten oder Ängsten. Diese Fremdbestimmung muss ein Beichtvater erkennen und bei allem Mitgefühl mit dem Menschen diesen zerstörerischen Kräften entgegentreten. Doch den Kranken muss er aufhelfen, Mut machen, barmherzig sein und im Zuspruch darauf hinweisen, wie erlöstes Dasein aussehen und sich entfalten könnte.

Geistliches Fitness-Studio

Das Entscheidende ist, dass durch den Beichtvater die Stimme Gottes einen Menschen erreicht. Bei allem Bemühen um menschlich-fachliche Aufarbeitung von Lebensproblemen ist die sakramentale Lossprechung das Zentrum des Ganzen. Der Priester darf im Auftrag Jesu Christi und seiner Kirche freisprechen von den Sünden. Wesentlich an der Botschaft des Neuen Testamentes ist: Mit Gott können wir an jedem Punkt unseres Lebens, selbst am äußersten Tiefpunkt, neu anfangen. Gott hilft auf und hilft weiter. Er gibt Mut zur Bejahung des Lebens und entfesselt unsere besten Kräfte.

Was ist Beichte heute? Beichte ist ein geistliches Fitness-Studio, wo man mit guter Anleitung die Kräfte des Guten und Authentischen wachhalten und trainieren kann. Beichte ist eine Müllhalde, wo ich abladen kann, was ich als Last mit mir herumschleppe. Beichte ist eine reinigende Wellness-Oase, aus der ich geläutert und erfrischt hinausgehen kann ins gewöhnliche Leben. Beichte als Sakrament ist ein Riesengeschenk Gottes. Eines der schönsten Geschenke für einen Beichtvater ist eine Schlussbemerkung, die wir von vielen hören: „Danke Pater, das hat wirklich gutgetan!“
 

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