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Jesus – mein Gefährte

Wer ist Jesus und wie können wir ihm begegnen? P. Andreas Batlogg ist dieser Frage für sich ganz persönlich nachgegangen. Er schreibt von Begegnungen mit Jesus, von seinen Zweifeln, Fragen und von der Faszination, die von ihm ausgeht. Von Wüste, Dürre, von Nähe. Von Abwesenheit und Vertrautheit. Behutsam nähert sich Batlogg der Gestalt Jesu Christi, wie wir sie aus den Evangelien kennen. Er lässt uns auf bewegende Weise teilhaben an seiner tiefen Überzeugung: Es lohnt sich, Jesus heute zu entdecken, um ihm zu begegnen. Inwiefern dies auch eine lebenslange Übung ist, zeigt sich in seinen Israelreisen als Student und später als gestandener Ordensmann.

Zweimal bisher war ich für drei Monate in Israel. Das erste Mal 1984 mitt 22 Jahren für ein Freisemester in einer Bibelschule in Nazareth. Nach zweieinhalb Jahren in einem Priesterseminar lebte ich nun in einer gemischten Gruppe von Mädchen und Jungs, mit wenig Geld und Hausarbeiten. Im Frühjahr 2019 kehrte ich für ein Sabbatical in Jerusalem nach Israel zurück. Diesmal 57 Jahre alt, kurz nach meiner Krebserkrankung.

Die Orte Jesu sehen – mit 22 und mit 57, inzwischen Ordensmann und Priester, das ist schon ein Unterschied! Aber immer wieder faszinierend. Auch weil meine Beziehung zu Jesus sich inzwischen verändert hatte. 1984 sind wir umständehalber viel gewandert, stundenlang. Aber nach fünf Semestern Philosophie tat mir das gut. Mein Glaube wurde konkreter. Anschaulicher. Geerdeter. Idealistisch eingestellt, vielleicht naiv, war ich natürlich schon. 2019, nach 34 Ordens- und 26 Priesterjahren, schaute das anders aus. Nicht weil ich meine Ideale verloren oder vergessen hätte. Sondern weil mich das Leben mittlerweile schon ganz anders geprägt hatte.

Vielleicht habe ich erst in Zusammenhang mit meiner Erkrankung das „IHS“ richtig zu verstehen und zu deuten gelernt. Die jesuitische Lesart besagt: „Iesum Habemus Socium – Wir haben Jesus zum Gefährten“. Ja, das war und das ist meine Erfahrung: Jesus, mein Gefährte, mein Freund, einer, der da ist für mich.

Als Student bin ich in Eugen Bisers Jesusbuch „Der Freund“ (1989) auf eine Schlüsselszene aufmerksam geworden, die historisch belegt ist und von dem kürzlich verstorbenen Komponisten und Intendanten Udo Zimmermann in der Kammeroper „Weiße Rose“ (von 1967/68) eingebaut wurde: Bei ihrem letzten Besuch bei ihrer Tochter Sophie im Vollstreckungsgefängnis München-Stadelheim sagt Magdalena Scholl:

„Gelt Sophie, Jesus …
Jesus, Jesus …
Aber auch du, Mutter …
Aber auch du …“

Magdalena Scholl wusste bei ihrem Besuch am 22. Februar 1943 nicht, dass sie Sophie nie mehr lebend wiedersehen würde. Kurz danach wurde sie nämlich hingerichtet, um Punkt 17 Uhr, zwei Minuten später Hans Scholl, danach Christoph Probst. Eugen Biser nimmt auf die Abschiedsszene Bezug: „Dieser Zuspruch kommt einer Handreichung gleich, die über die bereits erreichte Todesgrenze hinweggreift, um dort den Halt einer letzten, unverbrüchlichen Identifikation zu gewähren, wo alle weltlichen Daseinssicherungen hinfällig geworden sind.“

„Zuspruch“ und „Handreichung“: Wer „Sophie“ gegen seinen eigenen Namen austauscht, erhält ebenfalls einen – indirekten – Zuspruch. Und der begleitet mich, seitdem ich dieser Stelle begegnet bin. Der Name Jesus, in Erinnerung gebracht, zugerufen, in guten oder schlechten Zeiten, bei Krankheit oder Gesundheit, in Sophie Scholls Fall vor dem Gang zum Schafott, löst etwas aus!

Nach wochenlanger Chemo- und Strahlentherapie, auf dem Weg in den Operationssaal im Januar 2018, als mir ein bösartiger Tumor entfernt wurde und ich nicht wissen konnte, ob ich den Eingriff überleben würde, habe ich mich an diese Szene erinnert. Urplötzlich. Warum, weiß ich nicht mehr. Viel Zeit blieb nicht, bevor die Narkose zu wirken begann: „Gelt Andreas, Jesus, Jesus“ – ein stummer Imperativ. Aber einer, der mehr erinnerte und tröstete als mahnte: Denk dran: Jesus! Wenn du stirbst: Jesus! Wenn es Komplikationen gibt: Jesus! Vergiss es nicht: Du hast Jesus an deiner Seite!

Der Blitzgedanke half jedenfalls – und er hilft, immer wieder, in verschiedenen Situationen. Er deckt sich mit der jesuitischen Lesart des „IHS“: Iesum Habemus Socium. Jesus ist da – für mich. Immer, jederzeit und überall. Wenn ich meinen schwachen Glauben in einer Kurzformel ausdrücken sollte, wüsste ich wie – mit diesen drei Buchstaben: IHS!

Gegenprobe: Die Gefahr, dass Jesus verschwindet – hinter Bildern, hinter Begriffen, hinter Vergleichen, hinter Zeremonien ist real. Auch bei einem Jesuiten. Warum auch sollte ausgerechnet ich davor bewahrt bleiben? Ich muss mir nur vor Augen halten, wie ich Jesus im Laufe meines bisherigen Lebens angeschaut, wie ich ihn angesprochen, wie ich zu ihm gebetet habe: als Kind in den 1960er-Jahren, als Pubertierender in den 1970er-Jahren, als Seminarist (1981), als Novize (1985/87), wie zum Zeitpunkt meiner Priesterweihe (1993), wie im Tertiat in den USA (2004/05), wie als Krebspatient (2017/19), wie jetzt, kurz vor Vollendung meines sechsten Lebensjahrzehnts.

Der Lehrer, der Kumpel, der Freund, der Gefährte, der Herr und Kyrios: Schon die Anrede hat sich in diesen Jahrzehnten immer wieder geändert. Ich finde Christologie wahnsinnig spannend und gerate ins Schwärmen, wenn ich erzählen soll, was auf den Konzilien in Nizäa (325 n. Chr.) oder Chalzedon (451 n. Chr.) definiert wurde. Aber auch ein Jesuit macht die Erfahrung: All dieses Wissen, das sich im Laufe eines (Theologen-)Lebens anhäuft, garantiert keineswegs, dass es zu einer Begegnung kommt und wenn, dass sich die Erfahrung solcher Begegnung als tragfähig erweist. Es bleibt ein lebenslanges Suchen, ein ständiges Ringen. Wer damit je aufhört, hat Jesus zum Gefangenen gemacht – von Bildern und Begriffen. Davor bewahre mich Jesus, mein Gefährte!

Autor:

Andreas R. Batlogg SJ

Andreas R. Batlogg SJ ist 1962 in Lustenau/Vorarlberg geboren und 1985 in die österreichische Provinz der Jesuiten eingetreten. 1993 wurde er zum Priester geweiht. Er hat Philosophie und Theologie in Innsbruck, Israel und Wien studiert und eine Promotion über Karl Rahners Christologie abgeschlossen. Er war bis Dezember 2017 Herausgeber und Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit" und Mitherausgeber der „Sämtlichen Werke“ Karl Rahners. Heute ist er Publizist und Mitglied des Seersogeteams von St. Michael in München. Zuletzt erschienen "Der evangelische Papst. Hält Franziskus, was er verspricht?" (Kösel, 2018) und "Durchkreuzt. Mein Leben mit der Diagnose Krebs" (Tyrolia, 2019).

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