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Karfreitag – Da(heim)bleiben

Christen auf aller Welt erinnern an Karfreitag an die Kreuzigung Jesu. Sebastian Maly SJ begleitet uns in dieser Karwoche bis hin zu Ostern und schaut, was die Tage des Leidens und der Auferstehung Jesu mit uns zu tun haben. An Karfreitag schreibt er über den Verlust der Berührung für den Glauben.

Am Karfreitag schauen Christ*innen bewusst an, was ihnen oft vor Augen steht, aber sie vielleicht nicht immer so bewusst wahrnehmen: den Gekreuzigten. Die Dornenkrone, die durchbohrten Hände und Füße, die Wunde an der Seite und all die anderen Zeichen der Folterung und des Leides machen greifbar, dass Gott es mit der Fleischwerdung ernst gemeint hat. Der Sohn Gottes, unser Bruder und Herr, wird denselben Mächten und Kräften menschlicher Macht- und Grausamkeitsgelüste ausgesetzt wie so viele andere Menschen – bis heute.

In diesen Zeiten lohnt es sich bei der karfreitäglichen Betrachtung des Kruzifixes ein wenig länger bei den Händen zu verweilen. Mit den Händen erschließen wir uns vom Säuglingsalter an tastend und fühlend die Welt. Wir treten in Kontakt mit Mensch, Tier und was uns umgibt. Hände können streicheln, formen, segnen. Und sie können abweisen, zerdrücken, ja, schlagen. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in einer Eucharistiefeier die Kommunion ausgeteilt habe, hat mich sehr berührt, die Hände wahrzunehmen, die mir da entgegengestreckt werden. Da gab es grobe und feingliedrige, raue und zarte Hände. Alle schienen sie eine Geschichte zu erzählen. Unsere Hände drücken unsere Individualität aus. Wie Jesu Hände werden unsere Hände im Moment wie durchbohrt: von skeptischen Blicken, ob sie auch gewaschen und am besten noch desinfiziert sind. Was bleibt von der je meinigen Individualität in dieser Krise?

Hätte Jesus zu seinen Worten nicht auch seine Hände gebraucht, wäre seine Botschaft nicht bei den Menschen angekommen. Unser Glaube lebt nicht nur vom Hören, sondern auch von der Berührung. Jesu Hände sind heute die Hände der Menschen, die anpacken, Essen austeilen, Pakete schleppen, pflegen oder trösten. Maria und Johannes stehen unter dem Kreuz und trauern auch darum, dass die Hände des Gekreuzigten niemanden mehr berühren werden. Das Fehlen von Berührung kann krankmachen. Ein Glaube, der sich nur noch in virtuellen Welten und Live-Streams abspielt, verliert an Kraft und Ausdruck. Diese Krise ist zum Weglaufen (wenn man es denn könnte)! Im Moment werden wir auch äußerlich gezwungen da(heim)zubleiben. Nutzen wir diesen ungeliebten äußeren Umstand: Stellen wir uns zu Maria und Johannes unter das Kreuz und halten wir dort aus, was uns an Ängsten, Sorgen oder Verletzungen zu ertragen aufgegeben ist – auch für all jene, die in diesen Tagen unter der Ungewissheit und Berührungslosigkeit leiden und nicht wissen, wo sie ihre Sorgen hintragen können.

Autor:

Sebastian Maly SJ
Sebastian Maly SJ wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren. Nach Studien der Philosophie und Theologie in München, Münster und Jerusalem und einem Doktorat in Philosophie arbeitete er bis 2013 als Referent im Cusanuswerk, dem Begabtenförderungswerk der Katholischen Kirche in Deutschland. 2013 trat er in das Noviziat der Jesuiten in Nürnberg ein. Nach den Gelübden leitete er für zwei Jahre die außerschulische Jugendarbeit am Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg. 2017 wurde er dann als Schulseelsorger an das Canisius-Kolleg in Berlin gesandt. Er absolviert eine berufsbegleitende Ausbildung zum systemischen Therapeuten. Am 6. Oktober 2018 ist er in Frankfurt zum Priester geweiht worden.

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