• „Educated by Jesuits“: Willkommens-Pakete für die neuen Schülerinnen und Schüler im Kolleg St. Blasien.
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Ohne Schule fehlt der Kirche etwas

Katholische Schulen erfreuen sich in Deutschland einer hohen Nachfrage. Anstelle von „ökonomischen Blickverengungen“ stehen ein christliches Menschenbild und ein ganzheitliches Bildungsverständnis. Allerdings zweifelt Klaus Mertes SJ im Editorial der neuen Ausgabe von "Stimmen der Zeit" am Willen in der Kirche, eine Zukunft für die katholischen Schulen überhaupt zu wollen: „Der Beliebtheit der katholischen Schulen bei Eltern und Jugendlichen steht eine Erschöpfung des Willens zur Schule auf der kirchlichen Trägerseite gegenüber.“

Die katholischen Schulen erfreuen sich einer hohen Nachfrage. Das spricht für ihre hohe gesellschaftliche und innerkirchliche Akzeptanz. Dafür gibt es gute Gründe: Das Profil der pädagogischen Arbeit wurde im Dialog mit den bildungspolitischen Entwicklungen geschärft, besonders deutlich 2001 mit dem folgenreichen Kongress der Deutschen Bischofskonferenz „Tempi – Bildung im Zeitalter der Beschleunigung“ und kürzlich mit der Kampagne HumanismusPlus des Zentrums für ignatianische Pädagogik. Die Orientierung am christlichen Menschenbild wurde kritisch von ökonomischen Blickverengungen abgesetzt. Seelsorge an Schulen wurde konzeptionell erweitert und professionalisiert. Frucht dieser Bemühungen sind auch die jüngst von der DBK veröffentlichten „Eckpunkte zur Weiterentwicklung der Schulpastoral“ vom 24.11.2020. Katholische Schulen öffneten sich der Nachfrage von nicht-katholischen und nicht-christlichen Elternhäusern – in den neuen Bundesländern ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Heute realisieren katholische Schulen missionarische Präsenz der Kirche in säkularer Gesellschaft. Bemühungen um mehr Bildungsgerechtigkeit an den katholischen Schulen wurden ebenfalls erfolgreich verstärkt.

Ob das so Bestand hat, hängt entscheidend vom Willen in der Kirche ab, eine Zukunft für die katholischen Schulen überhaupt zu wollen. Doch gerade dieser Wille ist fraglich geworden. Auch das hat nachvollziehbare Gründe: Schulen sind kostenintensiv. Angesichts der zurückgehenden kirchlichen Steuereinnahmen stehen in allen Diözesen früher oder später schmerzliche Kürzungsentscheidungen an. Nach den Schließungsentscheidungen der Erzdiözese Hamburg kündigte Ende September nun die Diözese Mainz an, Schulen in staatliche Trägerschaft übergeben zu wollen. Die Orden schrumpfen ebenfalls. Viele ihrer Schulen wurden in den 1970er- und 80er-Jahren in diözesane Trägerschaften übergeben. Einige der klassischen Schulorden stehen vor dem Aus; sie waren bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts hinein die entscheidenden Inspiratoren und Träger des katholischen Bildungsaufschwungs. Weil die Säkularisierungsschübe inzwischen auch in den kirchlichen Schulen angekommen sind, werden sie in der Kirche immer weniger als Kirchorte wahrgenommen. Man könnte zugespitzt formulieren: Je missionarischer die Präsenz von Kirche in den Schulen ist, umso schlechter steht es um ihr Image in einer Kirche, die im Zweiten Vatikanischen Konzil ihren ekklesiologisch-pastoralen Schwerpunkt auf die Gemeindetheologie und die Gemeindebildung verschoben hat.

Aus diesem Befund ergibt sich eine Spannung. Der Beliebtheit der katholischen Schulen bei Eltern und Jugendlichen steht eine Erschöpfung des Willens zur Schule auf der kirchlichen Trägerseite gegenüber. Damit ist nicht die Motivation derjenigen gemeint, die zurzeit konkret in kirchlichen Schulämtern, Schulstiftungen und Orden Verantwortung für die katholischen Schulen wahrnehmen. Sie leisten hervorragende Arbeit. Aber sie stehen selbst auch mitten in der genannten Spannung. Dieselbe Spannung wird auch von denjenigen Eltern erlebt, die sich für den Erhalt von katholischen Schulen einsetzen. Die katholische Elternschaft Deutschlands (KED) hat sich dazu jüngst mehrfach öffentlich geäußert.

Was ist also zu tun? Nachdem Ignatius und die ersten Jesuiten unter dem Stichwort der „Unterweisung der Ungebildeten (rudes)“ anfänglich eher nur Kinderkatechese auf der Straße meinten, entdeckten sie sehr bald, wie unverzichtbar auch höhere Bildung gerade in Krisensituationen der Glaubensverkündigung ist. Sie schlossen sich der humanistischen Bildungsbewegung an. Daraus entstand innerhalb sehr kurzer Zeit ein weit über den Orden hinausreichender Bildungsaufschwung in der katholischen Weltkirche – nicht zuletzt auch in der Mädchenbildung durch die Gründung von apostolischen Frauenorden –, der bis in das letzte Jahrhundert hinein währte. Ganz wichtig: Ignatius wollte dabei nicht nur anderen den Glauben nahebringen, sondern auch selbst lernen. Er wusste: Die Kirche lernt selbst am besten, wenn sie lehrt.

Lässt sich heute aus denselben Gründen wieder eine Begeisterung in der katholischen Kirche für Bildung neu entfachen? Die Kirche müsste dafür wieder Bündnispartner suchen, die an einem ganzheitlichen Bildungsverständnis interessiert sind. Sie müsste Schule als strategische Aufgabe begreifen, die nicht durch den schnellen Erfolg, sondern durch langfristig reifende Früchte ihren Sinn erfüllt. Sie müsste den Klerus verstärkt in die Schulen senden, um ihm so eine gebildete Zeitgenossenschaft zu ermöglichen. Sie müsste in der Berufungspastoral Bildung als ein Ziel benennen, dass den Einsatz eines ganzen Lebens wert ist. All das wird nicht möglich sein ohne solide finanzielle Fundierung – und eine gemeinsame Kraftanstrengung von Eltern, Schulen, Gemeinden, Verbänden, Orden und Diözesen. Die Zeit dazu wird immer reifer.

Autor:

Klaus Mertes SJ

Pater Klaus Mertes SJ studierte nach seinem Abitur 1973 klassische Philologie und Slawistik in Bonn, nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden 1977 Philosophie in München und Theologie in Frankfurt. Seit 1990 war er im Schuldienst tätig, zunächst 1990-1993 an der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg, 1994-2011 am Canisius-Kolleg in Berlin, dessen Rektor er seit 2000 war. Von 2011 bis 2020 war er Kollegdirektor am internationalen Jesuitenkolleg in St. Blasien. Außerdem ist er Redaktionsmitglied der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

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