• Berg der Kreuze in Litauen. Bild: Andrius Aleksandravičius
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Ostern feiern in der Zeitenwende

Christen auf aller Welt feiern heute trotz allem die Auferstehung Jesu Christi. Für P. Bernhard Bürgler SJ, Provinzial der Jesuiten in Zentraleuropa, ist das Osterfest in diesem Jahr ein besonderes. Die Krisen in der Welt, sei es der Ukraine-Krieg, die Klimakrise oder die Konflikte innerhalb der Kirche markieren für ihn eine Zeitenwende. Doch das Osterfest ist für ihn eine Erfahrung, verletzbar zu bleiben und sich von Gott her verwandeln zu lassen. Hier sein persönlicher Ostergruß:

Zurzeit fließen bei mir im Büro viele Informationen zusammen, die mir in diesen dunklen Tagen und Wochen Mut machen und Hoffnung geben. Ich erfahre von so viel konkreter Hilfsbereitschaft, von meinen Mitbrüdern und ganzen Kommunitäten, die Flüchtlinge aus der Ukraine bei sich aufnehmen und ihnen beistehen. Die jungen Jesuiten hier in München, die noch in der Ausbildung sind, haben sogar ihre Wohngruppe geräumt und sind zu ihren älteren Mitbrüdern gezogen, damit in ihren ehemaligen Räumen nun Familien leben können.

Aber all diese Hoffnungszeichen können mich und uns nicht darüber hinwegsehen lassen, mit welch roher Gewalt wir konfrontiert sind. Für die meisten von uns kam der Krieg in Europa völlig überraschend. Andere aus unserer zentraleuropäischen Provinz sahen klarer und haben mit einer russischen Invasion gerechnet. Uns alle eint das Entsetzen und die Ohnmacht angesichts eines Angriffskrieges, der Leid und Tod über ein Land bringt, das zu Europa gehört.

Manche Wissenschaftler sprechen von einer Zeitenwende, in der wir leben, und auch wenn wir das in unserem Alltag und unserm Lebensstil noch nicht so sehr spüren, scheint mir daran viel Richtiges zu sein. Und diese Zeitenwende gilt ja nicht nur in Bezug auf die politischen Fragen, die uns bewegen. Von einer Zeitenwende wird man auch angesichts der Frage nach unserem Wirtschaften oder angesichts der Rolle und Zukunft der Kirche sprechen können – wir spüren alle, dass das Alte nicht mehr zukunftsfähig ist, aber keiner weiß, in welcher Form sich die Antworten zeigen werden.

Mir scheint in diesen Tagen und Wochen, dass sich in all diesen Erfahrungen etwas verdichtet, das man als eine Erfahrung der Verletzbarkeit beschreiben könnte, die für viele Bereiche unseres eigenen Lebens und unserer Gesellschaft gilt. Es ist eine Erfahrung und Haltung, die ganz eng mit dem verbunden ist, was wir in den Kar- und Ostertagen feiern. Angesichts der rohen Gewalt des Krieges, der Machtkonflikte innerhalb der Kirche und der Verzweiflung so mancher darüber, dass der notwenige sozio-ökologische Wandel kaum Fortschritte zu machen scheint, liegt es menschlich nahe, sich dem Zorn hinzugeben, anklagen zu wollen oder sich dem Leid und der Ungerechtigkeit zu verschließen und sich ins Alltagsgeschäft zu retten.

Verletzbar zu bleiben, wie wir Jesuiten es zum Beispiel in den Exerzitien auch einüben, ist anders. Es bedeutet die Bereitschaft, die Gewalt, die Spannungen und das Leid an sich heranzukommen zu lassen und in einer Haltung der Hingabe und der Liebe immer mit dem Blick auf Jesus versöhnen zu lassen. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“, heißt es in der Liturgie, die wir in diesen Tagen feiern. Sich mit Hilfe Christi die eigene Verletzbarkeit anzunehmen und sich mit ihr versöhnen, bedeutet nicht, dass man den Schmerz nicht mehr spürt, sondern dass man ihn aushalten und von Gott her verwandeln lassen kann, so wie man auch am Auferstandenen die Wundmale noch sieht. Und es bedeutet auch keine Passivität. Frère Roger, der 2005 ermordete Gründer der Gemeinschaft von Taizé, hat es so ausgedrückt: „Mit versöhntem Herzen kämpfen“. Diese Haltung passt gut zu uns Jesuiten, finde ich. Den Mut haben, uns für den Glauben und die Gerechtigkeit einzusetzen, aber mit einem Herzen, das versöhnt ist. „Gefährten in einer Sendung der Versöhnung und der Gerechtigkeit zu sein“ bringt ein Text der letzten Generalkongregation, der internationalen Versammlung der Jesuiten, unsere Aufgabe in unserer Zeit gut auf den Punkt. Ohne verletzbar zu bleiben, wird unser Dienst an der Versöhnung nicht gelingen können.

Ein Zeichen dieser christlichen Verletzbarkeit ist das Kreuz, aus dem das Leben kommt. Eindrucksvoll habe ich das bei meinem Besuch vor Ostern in Litauen erzählt bekommen. Nahe der Grenze zu Lettland gibt es einen „Berg der Kreuze“, einen Hügel voll von Kreuzen, die tausende von Gläubigen an diesen Ort gebracht haben, als es ihnen bei Strafe verboten wurde, Kreuze daheim in den Häusern aufzuhängen. Mehrfach wurden die Kreuze auf dem Berg zerstört, immer wieder wurden sie neu und dann noch eindrucksvoller und mächtiger errichtet. Der Berg der Kreuze ist kein Symbol des Todes, sondern der Hoffnung, des Trostes und der Auferstehung. Unsere Osterhoffnung ist, dass alles, was aus der Haltung des Kreuzes, aus der Verletzbarkeit erwächst, von Gottes Geist verwandelt, erneuert und in seinen Dienst genommen werden kann.

In der Hoffnung auf jenen Geist wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben gesegnete Ostern,

Ihr P. Bernhard Bürgler SJ
(München)

Autor:

Bernhard Bürgler SJ

Pater Bernhard Bürgler SJ ein ausgewiesener Experte in den Bereichen Spiritualität, Exerzitien, Meditation und Psychoanalyse. Der 60-jährige ist in Lienz, Osttirol geboren. Nach der sogenannten Matura, dem österreichischen Abitur, studierte er in Innsbruck Theologie. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er im deutschen Exerzitienhaus Haus Gries mit, welches von den Jesuiten getragen wird. Nach weiteren Jahren als Religionslehrer in Österreich trat Bürgler 1991 in die Gesellschaft Jesu ein. Nach dem Noviziat promovierte er in Theologie und machte zudem eine Ausbildung zum Psychotherapeuten. Seine Tätigkeiten im Orden waren Spiritual im internationalen Priesterkolleg Canisianum (Innsbruck), Leiter des Exerzitienhauses „Haus Gries“ (Wilhelmsthal), Bereichsleiter für Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König Haus (Wien). 2014 wurde er Provinzial der Österreichischen Provinz der Jesuiten. Am 31. Juli 2020 ernannte ihn der Generaloberer P. Arturo Sosa SJ zum ersten Provinzial der neuen Zentraleuropäischen Provinz, die die bisherigen Provinzen Österreich, Deutschland, Litauen-Lettland und der Schweiz ersetzt hat.

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