• P. Friedrich Prassl SJ
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Was bringt Fasten?

In seinem neuesten Impuls lädt uns der Direktor des Kardinal König Hauses in Wien, P. Friedrich Prassl SJ, ein, die Fastenzeit nicht als Verzicht zu sehen, sondern als Reinigungsprozess, der hilft den Geist frei zu machen, um seinen innersten Bedürfnissen, anderen Menschen und auch Gott mehr Raum zu schenken.

Ich möchte ermutigen, Fasten nicht nur als Verzicht zu sehen, sondern als eine Einladung, alles mit anderen Augen zu sehen: die Welt, den anderen Menschen, sich selbst. Fasten ist Einladung und Chance zu einem kreativen Aufbruch, sich um einen weiteren Horizont zu bemühen, um größere Zusammenhänge zu erkennen. Es ist eine bewusste Herausforderung, die letztlich einem selbst gut tut. Wenn ich eine Fastenzeit nur als eine Zeit der Kur sehe, um überflüssiges Gewicht loszuwerden, dann kann ich sie zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Jahr machen. Wenn ich im Blick auf Ostern faste, dann ist das nicht nur eine gesundheitliche oder kosmetische Maßnahme. Ein solches Fasten kann ein innerer Reinigungsprozess werden, der hilft den Geist frei zu machen, um meinen innersten Bedürfnissen, anderen Menschen und auch Gott bei mir mehr Raum zu schenken.

Mit dem Aschermittwoch beginnt wieder so eine besondere Vorbereitungszeit auf das Osterfest. Insgesamt 46 Tage dauert sie, weil die sechs Fastensonntage nicht dazugezählt werden. Diese sind wie kurze Erholungszeiten, die dem Durchhalten dienen und auf das Wesentliche des Fastens hinweisen. Es ist mehr als ein zeitweiliger Verzicht auf Nahrungsmittel dazwischen. Es geht vielmehr um ein Überdenken der eigenen Haltungen, um eine Zeit der Umkehr und des Neubeginns. In dieser geprägten Zeit sind wir eingeladen mit liebevoller Aufmerksamkeit und voll Dankbarkeit auf unser gelungenes Leben zu blicken, aber auch Schwächen und Fehler, falsche Gewohnheiten und Abhängigkeiten ehrlich zu erkennen. Es geht nicht darum, all das in Folge nur so gut es geht zu meiden, auf manche Dinge nur oberflächlich zu verzichten. Es geht mehr darum umzudenken und im bewussten Verzicht auf eingeschliffene Verhaltensmuster und Selbstverständlichkeiten negative Einflüsse, Druck von außen und falsche Zwänge zu durchschauen, sie abzuwehren und so neue Lebensmöglichkeiten zu erproben.

Dabei ist ein offener Blick auf unsere notwendigen Bedürfnisse und unsere innersten Sehnsüchte wichtig. Bewusstes Verzichten ist eine Möglichkeit, verdrängte Sehnsüchte nach Gemeinschaft, Geborgenheit, Anerkennung und Liebe neu zu entdecken und Wege zu suchen, diese zu leben. Im alltäglichen guten Umgang mit den Menschen, im Teilen, im solidarischen Leben, im Mit-Leiden, im Dienst am Nächsten wird diese Lebenshaltung zeugnishaft sichtbar. Neben den wahren Bedürfnissen und tiefen Sehnsüchten bezüglich unserer alltäglichen Lebensgestaltung und einer achtsamen Beziehung zu den Mitmenschen kann hier auch die Sehnsucht nach einer neuen und tieferen Gottesbeziehung deutlicher werden. Beides fördert in uns Ausgeglichenheit und Selbstvertrauen und dient unserer seelischen Gesundheit. Wir werden so immer aufmerksamer für die Fallen unserer Abhängigkeiten, für unsere Umwelt sowie die Sinnhaftigkeit unseres Lebens. Dazu wünsche ich uns allen einen guten Start in die heurige Fastenzeit und viele kreative Aufbrüche im alltäglichen Leben.

P. Friedrich Prassl SJ

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