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Zurück zur Normalität?

Wollen wir wirklich zurück zur Normalität?

Selbstverständlich! Wer wünscht sich nicht, dass die Menschen, von Existenzangst und Isolation bedroht, wieder frei atmen, ungehindert ihrer Arbeit nachgehen und sich des Lebens freuen können? Wer will sich nicht wieder frei bewegen können? Flanieren, einkaufen, geniessen. Und unseren Lieben wieder sorgenfrei begegnen und sie in die Arme nehmen. Wer will das Alles nicht sehnlichst zurück?

Und trotzdem: wollen wir wirklich wieder zurück zur Normalität? Die Corona-Krise hat manche Illusionen-Blasen platzen lassen: Die Illusion der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Illusion, dass alles machbar ist, dass sich alles richten lässt, wenn wir uns nur genügend anstrengen. Die Illusion der grenzenlosen Beweglichkeit, des Lebensgefühls, uns zu jeder Zeit irgendwo auf dem Globus bewegen zu können; dass jedes Gut und jede Dienstleistung verfügbar sind; dass wir uns am Leben bedienen können – ungeachtet der Nebenkosten für die Mitwelt.

Covid hat uns hart auf den Boden unserer menschlichen Realität gestellt. Viele haben dies notvoll erfahren müssen: Der Mensch ist endlich und begrenzt in seinen Möglichkeiten.

Im Verlauf des letzten Jahres wurden wir besonders mit der Wüste von Ohnmacht und Hilflosigkeit, der Wüste von Not und Tod, mit Leere und Sinnlosigkeit konfrontiert. Die Hand, die meint, alles irgendwie mit genügend Anstrengung im Griff zu haben, ist lahm geworden.

«Gedenke Mensch, du bist Staub, und zum Staub wirst du zurückkehren.» Dieses Wort wird den Menschen in Erinnerung gerufen, während sie zu Beginn der Fastenzeit mit dem Aschenkreuz bezeichnet werden. Corona ist wie eine Verstärkung dieses Zeichens. Die Krise hat uns auf uns selbst zurückgeworfen und hat die Fluchtwege aus der Wüste von Endlichkeit und Begrenztheit abgeschnitten. Die Pandemie hat uns in vielen Formen der Möglichkeit beraubt, uns selbst auszuweichen. Diese Wüste ist Teil unseres Lebens.

 

Wie mit dieser Wüste umgehen?

Es geht nicht an, sich mit der Wüste einfach abzufinden. Das wäre trostlose Resignation. Es gibt in der Tat viele Ratgeber, die uns helfen wollen mit Einsamkeit, Leere und Wüste umzugehen. Vieles ist hilfreich. Doch erwecken die Ratgeber oft den Eindruck, dass sie die Wüste nicht als normalen Teil des Lebens, sondern als einen Zustand sehen, der gemieden werden muss; und dass wir etwas falsch machen, wenn wir überhaupt in die Wüste hineingeraten.

Einen solchen Ratgeber hat zumindest Jesus in der Wüste. Es heisst da, Jesus wurde vom Satan in der Wüste in Versuchung geführt. Das Matthäusevangelium (Mt 4,1-11) und das Lukasevangelium (Lk 4,1-13) schildern diese Szene detaillierter als im heutigen Text. Dort heisst es, dass Jesus nach 40 Tagen in der Wüste Hunger bekommt. Und in diese Hungerleere hinein spricht der falsche Ratgeber:

     

  • Hör auf mit deiner Sehnsucht nach Gott und seinem Wort. Hilf dir selbst. Wandle Steine in Brot. Vertreibe deine Einsamkeit und stopfe deine Leere zu mit Allerlei, damit du dich endlich wieder besser fühlst.
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  • Oder: Setz der lastenden Trockenheit und Sinnlosigkeit ein Ende. Wirf dich von der höchsten Zinne des Tempels!
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  • Oder der Versucher verspricht Jesus, dass er ihm alle Macht auf Erden geben werde, wenn er nur seinen Ratschlägen folge. Er versucht ihn mit der Grössenphantasie zu blenden, dass alles machbar und in seinem Griff ist.
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Jesus entzieht sich der Versuchung, vor der Wüste zu fliehen. Er nimmt die Leere an als Teil seiner Lebens- und Gotteserfahrung. Jesus macht sein Vertrauen fest an der Zusage, die er vor der Wüste bei der Taufe am Jordan von seinem Vater erhalten hat: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. (Mk 1,11) Und diese Gewissheit wird in der Wüste vertieft. Gerade im Annehmen der Wüste und Leere wird diese zum Ort einer tieferen Verbundenheit und Solidarität mit der sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung. Jesus lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm (Mk 1,13), so heisst es.

 

Was ist da die Einladung an uns?

Nach der Taufe trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dies ist die Anfangsbemerkung zum Aufenthalt in der Wüste. Dies heisst eigentlich: Nimm deine ganze Wirklichkeit an. Nimm dein Leben auch mit seiner Begrenztheit, mit seiner Wüste, seiner Leere an. Diese ganze Wirklichkeit – und keine andere! – ist der Ort einer tieferen Verbundenheit mit allem, was ist, einer Verbundenheit mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen.

Wir müssen diese Wüste betreten, damit wir spüren und tiefer vertrauen können, dass da kein Abgrund ist, sondern Raum, in dem wir gehalten sind; ein Raum, in dem auch uns zugesprochen wird: Du bist meine geliebte Tochter, mein geliebter Sohn. An dir habe ich mein Wohlgefallen.

 

Spannen wir zum Schluss den Bogen von der Wüste Jesu zum Bund Gottes mit Noach, der durch die Schrecken der Sintflut gegangen ist:

Wir haben den Text in der ersten Lesung gehört: Über das Leben des Noach spannt sich der Regenbogen als Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen und allen Geschöpfen, als Zeichen der Rettung und Heilung. Dieser Bundesbogen zieht sich auch über diese, unsere Zeit. Er ist die Zusage der unverbrüchlichen Nähe und Gegenwart Gottes in unserem Leben. Diese Nähe ist die Norm, das unumstösslich Gegebene. Zu dieser Normalität kehren wir stets und aufs Neue zurück, wenn wir umkehren und bei uns einkehren und an das Evangelium glauben: unser Leben mit seinen Wüsten ist der Ort, wo Gott gegenwärtig und wirksam ist. Diese Einkehr und stete Umkehr sei uns geschenkt in dieser Fastenzeit auf Ostern hin.

 

Erste Lesung aus dem Buch Genesis, Kp. 9,8-15.

8 Gott sprach zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: 9 Ich bin es. Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch 10 und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt. 11 Ich richte meinen Bund mit euch auf: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. 12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: 13 Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. 14 Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, 15 dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt.

In jener Zeit 12 trieb der Geist Jesus in die Wüste. 13 Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm. 14 Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

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